FAQ

Frequently asked questions“ zum „Großen Postraub“ in England (1963)

Hinweis: Für alle Fragen zum GELD bitte hier schauen:  Das Geld.

 

Wann und wo fand der Postraub statt und warum ist es der „Große Postraub“?

Am 8. August 1963 gegen 3:05 Uhr in der Nähe von Cheddington/England, 50 km nordwestlich von London. Wegen der Höhe des gestohlenen Geldbetrages, der generalstabsmäßig organisierten Aktion und der raffinierten Vorgehensweise gilt die Tat bis heute als einzigartig.

In den angelsächsischen Ländern spricht man von „The Great Train Robbery“; die Großbuchstaben signalisieren dabei, dass es zu einem festen Ausdruck geworden ist. Interessant, dass es Zug- und nicht Postraub heißt.

 

Wo ist der genaue Tatort?

Entlang der Bahnstrecke London-Glasgow, ca. 2 km nördlich des kleinen Ortes Cheddington in der englischen Provinz Buckinghamshire. Streng genommen gibt es auf diesem Abschnitt drei Tatorte:

  1. Ein – vielleicht aus Platzgründen - in vielen Berichten unerwähntes bernsteinfarbenes Vorsignal („Dwarf Signal“) ca. 1400 m vor Sears Crossing, das den Zug auf das nachfolgende Stoppsignal vorbereitete.
  2. Das auf rot gestellte Signal bei Sears Crossing, wo der Zug überfallen wurde,
  3. die Bridego Brücke, ca. 1 km weiter, wo der Geld-Waggon aufgebrochen und ausgeraubt wurde.

 

Warum war die Gelegenheit besonders günstig?

Zum einen befand sich in jener Nacht ein besonders hoher Geldbetrag an Bord. Außerdem waren der Geld-Waggon nur einen Wagon  hinter der Diesellok angehängt; nur so konnte der Plan mit dem Abhängen der übrigen Waggons gelingen. Das Aufbrechen des Waggons fiel den Posträubern deshalb so einfach, weil die Original-Hochsicherheitswagons gerade im Ausbesserungswerk waren und stattdessen relativ ungesicherte Wagons verwendet wurden.

 

Wie viele Personen waren am Postraub beteiligt?

Der eigentliche Überfall auf den Postzug wurde nach heutigem Wissen von 15 oder 16 Männern verübt. Dies waren Bruce Reynolds, Gordon Goody, Buster Edwards, John Daly, Ronald Biggs, Thomas Wisbey, Charlie Wilson, Roy James, Robert Welch, James Hussey, Roger Cordrey, James White sowie vermutlich drei weitere, bis heute unbekannte Männer; dazu ein pensionierter Lokführer. Im Hintergrund gab es weitere Beteiligte, z.B. den bis heute unbekannten Informanten bei der Bahn und die Strohmänner für den Ankauf der Leatherslade Farm, in der sich die Posträuber versteckten.

 

Wer waren die drei bis heute unbekannten Posträuber?

In ihren späteren Berichten über den Postraub erzählen mehrere Posträuber übereinstimmend von drei weiteren Tätern. Sie wurden entweder nie gefasst, oder nicht angeklagt, weil man ihre Beteiligung nicht nachweisen konnte. Da niemand ihre Namen nennen wollte und will, wurden ihnen Spitznamen gegeben. Seit dem Buch von Pears Paul Read haben sich die drei Namen

- "Bill Jennings" (von Reynolds meist "Flossy" genannt),

- "'Big' Alf Thomas" und

- "Frank Munroe"

etabliert. "Jennings" und "Thomas" kamen aus dem Umfeld von Bruce Reynolds, aus dem Umfeld von Roger Cordrey wurde "Munroe" mitgebracht.

"Frank Munroe" und "Big Alf Thomas" gerieten während der Fahndung durchaus in das Visier der Polizei, konnten jedoch nicht überführt werden. Es kam nie zur Anklage; ihre echten Namen sind bis heute unter Verschluss. Das in einer Londoner Telefonzelle gefundene Geld (knapp 50.000 Pfund) scheint von Alf Thomas zu kommen, jedenfalls sieht dies Read so, der auch behauptet, mit Thomas gesprochen zu haben. "Bill Jennings" ist nach heutigem Wissensstand der einzige am Zugüberfall direkt beteiligte, den die Polizei nie auf der Rechnung hatte.

Es ist aber auch durchaus möglich, dass einige oder sogar alle drei Personen nur von den anderen erfunden wurden, z.B. um zu verschleiern, wer den Lokführer geschlagen hat, oder um die Anteile für jeden einzelnen in der Außendarstellung kleiner zu rechnen.

Eine interessante Information gab Bruce Reynolds dazu 2007 in "Galilieo Mystery", als er am Lügendetektor angeschlossen sagte, einer der drei sei noch am Leben, und so lange gäbe er keinen Namen preis.

 

Wurden bei dem Überfall tatsächlich auch Diamanten erbeutet?

Das kann heute mit ziemlich großer Sicherheit ausgeschlossen werden. Die Banken hatten ganz konkrete Gründe, täglich große Mengen Bargeld zur Cash-Regulierung nach London zu schaffen. Und der Postzug war hierzu ein angemessenes Transportmittel, auch hinsichtlich der Mengen. Für Diamanten fehlt dagegen jeder Grund, gelegentlich oder regelmäßig kleinere oder größere Sendungen nach London zu schaffen. Und wenn, dann erfolgt Diamantenhandel nicht durch Banken, sondern durch Privatpersonen oder Unternehmen, die das ganze wohl kaum per Einschreiben und Postzug transportieren lassen.

Der Grund für so abenteuerliche Behauptungen liegt darin, dass bereits viele Bücher über den Postraub erschienen waren, als Ronnie Biggs seine Geschichte publizieren wollte. Um einen Verlag zu finden, brauchte er neue, sensationelle "Enthüllungen". Und so kam es wohl zur Story mit den Diamanten. Bruce Reynolds drückte es Anfang 2007 im Gespräch mit "Galileo" auf Pro Sieben so aus: "Sorry, no diamonds, that was one of Biggsy's stories to sell his book". Der Lügendetektor, an den die Fernsehleute den "Major" angeschlossen hatten, zeigte dabei keinen Ausschlag.

 

Gab es tatsächlich eine Verbindung zwischen den Posträubern und der SS-Nachfolgeorganisation "ODESSA"?

Diese Behauptung haben die bis 1976 entlassenen Posträuber in Ihrem Buch "The Train Robbers" aufgestellt. Es ist davon auszugehen, dass sie dem Autor, Piers Paul Read, einen dicken Bären aufgebunden haben. Wieder ging es darum, neue Sensationen und Enthüllungen zu liefern, um noch einen Verlag zu gewinnen. Und da zog das Motto: In jeder Verschwörungstheorie braucht's einen ordentlichen Nazi.

Die reichlich krude und gedrechselte Story in Kurzform: Über einen Kontakt zum Ex-SS-Mann Otto Skorzeny bekamen die Posträuber Geld aus den Beständen der ODESSA - als Vorschuss zur Vorbereitung des Raubes. Dafür soll ODESSA etwa 1 Million Pfund aus dem Raub erhalten haben. Ein Deutscher ("Siggi") sei sogar mit auf der Leatherslade Farm gewesen. Ein sehr fragwürdiger "Beweis" in Form eines nichtssagenden, vermutlich manipulierten Briefes auf Skorzenys Briefpapier an die Ehefrau von Buster Edwards aus dem Jahre 1971 ist alles, was an Substanz zum Stützen der Geschichte vorliegt.

Einmal ganz abgesehen davon, dass ein Kontakt zu englischen Kriminellen für ODESSA wohl kaum Sinn gemacht hätte und der Aufenthalt eines Deutschen "Finanziers" auf Leatherslade Farm ein schlechter Witz wäre - auch rechnerisch käme alles mit den Anteilen der Posträuber dann hinten und vorne nicht mehr hin. Piers Paul Read hat sich dennoch nicht entblödet, sogar Nazi-Jäger Simon Wiesenthal mit der Angelegenheit zu behelligen. Der war regelrecht erbost über soviel Blödsinn. Im Laufe seines Buches bekommt denn auch Read immer mehr Zweifel, vor allem, nachdem einige Posträuber von der Geschichte wieder abrückten. Am Ende wird der Leser mit der Sache allein gelassen. Die Geschichte ist inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten.

 

Diente der Überfall auf den Londoner Flughafen 1962 zur Finanzierung des Postraubes?

Bereits kurz nach dem Postraub wurden Parallelen zu einem spektakulären Überfall auf die Lohnkasse der BOAC im November 1962 gezogen (siehe Timeline). Wie wir heute wissen, zu Recht: Neben Reynolds waren Edwards, Goody, James und Wilson mit von der Partie, außerdem einer der drei nie gefassten Posträuber. Ohne Zweifel hat der „Flughafen-Job“ das Selbstbewusstsein der späteren Posträuber gestärkt und sie zu noch dreisteren Taten angespornt. Zudem erbrachte er Geld, mit dem sich eine Weile ungestört leben ließ. Auch scheint es so, als hätten die Posträuber den „Tipp“ für den Zugüberfall damals schon gekannt. Aber ob die Tat direkt zur Vorfinanzierung des Postraubes geplant war, ist schwer zu sagen.

 

Was ist aus den Posträubern geworden?

Es gab sozusagen jede denkbare Schicksals-Kombination. Die meisten Beteiligten wurden sehr schnell gefasst und 1964 zu drakonischen Gefängnisstrafen (meistens 30 Jahre) verurteilt, doch wurden die meisten bis Anfang der 70er Jahre entlassen. Bruce Reynolds wurde erst 1968 gefasst, er saß 10 Jahre. Ronald Biggs und Charlie Wilson flüchteten aus dem Gefängnis, Wilson wurde 1968 in Kanada verhaftet; Biggs blieb nach abenteuerlicher Flucht im Brasilianischen Exil. Er kehrte nach mehreren Schlaganfällen Anfang 2002 nach England zurück und blieb insgesamt 7 Jahre in einem englischen Gefängnishospital, die zahlreichen Begnadigungsgesuche für den hochbetagten Mann hatten erst 2009 Erfolg. Buster Edwards stellte sich 1968 der Polizei, da er die Flucht nicht länger aushielt.

William Boal gehörte nach heutiger Aussage aller Beteiligten gar nicht zu den Posträubern, wurde aber verurteilt und starb 1968 im Gefängnis. John Daly wurde mangels Beweisen freigesprochen, obwohl er nach übereinstimmender heutiger Aussage der Posträuber dabei war. Mindestens drei Täter wurden nie ermittelt.

Stand heute sind von den 16 Personen, die am 8. August 1963 bei Sears Crossing auf den Zug warteten, vermutlich noch zehn am Leben: Reynolds, Goody, Biggs, Cordrey, Daly, Hussey, Welch, White, Wisbey, sowie einer der drei "Unbekannten" (lt. Aussage Reyonolds Anfang 2007 im dt. TV). Bis auf Biggs und Reynolds sind jedoch alle aus dem öffentlichen Blickfeld komplett verschwunden.

 

Wie kam die Polizei den Posträubern auf die Schliche?

Die größte Fahndungsaktion der britischen Polizeigeschichte und die höchsten jemals ausgesetzten Belohnungen (über 200.000 Pfund) erzeugten einen erheblichen Druck auf die Posträuber. Die Polizei hatte richtig angenommen, dass die "Gentlemen" zuerst ihre Beute gemeinsam zählen und teilen wollten, und dies nicht an ihrem normalen Wohnort tun würden. Deshalb begann sie, alle denkbaren Verstecke wie z.B. Farmen und Scheunen im Umkreis von 30 Meilen um den Tatort zu durchsuchen und die Bevölkerung zur Wachsamkeit aufzurufen. Schließlich gab ein Landwirt aus der Nähe von Tring den Hinweis auf die Leatherslade Farm.

Als die Polizei die Farm durchsuchte, waren die Posträuber bereits geflohen, doch nicht alle hatten genügend Sorgfalt auf die Beseitigung ihrer Spuren gelegt. Zudem konnte der Plan, die Farm abzubrennen, nun nicht mehr ausgeführt werden. Dann kam zweimal Kommissar Zufall zu Hilfe: Bill Boal und Roger Cordrey fielen der Witwe eines Polizisten auf, bei der sie ein Zimmer mieten wollten, und wurden gefasst. Eine Tasche voller Geld aus dem Postraub wurde von einem Motorradfahrer auf einer Lichtung im Wald gefunden. Eine darin enthaltene Rechnung des deutschen Hotels Sonnenbichl im Allgäu führte auf die Spur des Rechtsanwalts Brian Field und seiner deutschen Frau Karin, die die Farm gekauft und den Posträubern bei der Flucht geholfen hatten.

Trotzdem bleibt bei einigen der gefassten oder gesuchten Posträuber der Eindruck, die Polizei habe sie bereits vor den ersten Beweisen "auf der Rechnung" gehabt und nur nach Spuren gesucht, die ihnen zugeordnet werden konnten. Speziell gilt dies für Gordon Goody. Winzige Farbspuren an seinen Schuhen sollten schließlich der Beweis sein (man sprach in der Presse von "Goody's two Shoes"), aber man kam nur darauf, weil man speziell ihn verdächtigte. Auch die Beweise zur Verurteilung des lange flüchtigen Reynolds 1968 waren eher Indizien. Es scheint, als seien einige Posträuber von anonymer Seite "verpfiffen" worden.

 

War Ronnie Biggs tatsächlich der Anführer der Posträuber?

Nein. Biggs war eher ein Mitläufer, der aber durch seine spektakuläre Flucht und viel Medienrummel während seines Jahrzehnte dauernden Exils in Brasilien zum bekanntesten der Posträuber wurde.  Biggs brachte lediglich einen Bekannten mit in die Gruppe, der pensionierter Lokführer war und den Zug fahren sollte, was ihm aber nicht gelang. Tatsächlich wurde der Postraub von einer Gruppe um Bruce Reynolds geleitet, auch Gordon Goody gehörte ebenso wie Buster Edwards zum Kern.

 

Starb der Lokführer Jack Mills tatsächlich an den Folgen des Überfalls?

Mills starb 1970 an Leukämie. Dies wird in vielen Berichten unterschlagen, die nur sagen, er sei „als gebrochener Mann“ gestorben.

Tatsächlich wurde Mills mit einer Eisenstange niedergeschlagen, stürzte und stieß dabei mit dem Kopf an ein Metallteil in der Kabine, er erlitt dabei eine Platzwunde und eine Gehirnerschütterung. Er war dennoch in der Lage, den Zug bis zur Bridego Brücke weiter zu fahren und trug keine dauerhaften gesundheitlichen Schäden davon, wohl aber hatte der Überfall psychische Folgen für ihn. Spätere Berichte von Verwandten legen den Schluss nahe, dass Mills seit der Tat große Angst hatte, wieder fahren zu müssen, und deshalb die Verletzungen und Ihre Folgen bewusst übertrieben darstellte, um vorzeitig in Pension gehen zu können. Als "Belohnung" für seinen mutigen Widerstand gegen die Posträuber erhielt er von der Bahn ganze 27 Pfund. Erst eine daraufhin durchgeführte Spendenaktion einer englischen Tageszeitung erbrachte einen namhafteren Betrag für ihn.

Zusammenfassend gesagt war Mills wirklich ein Opfer des Postraubes, aber er wurde auch von der Anklage und den offiziellen Stellen als solches instrumentalisiert. Zugleich haben sich die Bahn und Post nicht wirklich um ihn gekümmert, ihm z.B. keine ausreichende psychologische Betreuung nach der Tat zukommen lassen und ihm auch keine neue berufliche Perspektive eröffnet.

 

Wer schlug den Lokführer?

Welcher der 15 Posträuber Mills niederschlug, ist bis heute nicht geklärt, dem späten - von einem Verlag geforderten - Geständnis des inzwischen verstorbenen Buster Edwards haben mehrere Posträuber danach widersprochen; Edwards sei gar nicht auf der Lok gewesen. Reynolds sagte, es sei einer der drei Posträuber gewesen, die nie gefasst wurden. Von diesen sei (Stand 2007) einer noch am Leben. Es ist zu bezweifeln, dass vor dessen Ableben Licht in die Sache kommt. Anzunehmen ist, dass alle heute noch lebenden Posträuber den Täter kennen.

Ein sehr interessantes Detail ist, dass der deutsche Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ deutlich Gordon Goody (als Archibald Arrow) als den Täter darstellt. Spannend ist das deshalb, weil der Gentlemen-Autor Henry Kolarz seine Informationen offenbar über die deutsche Ehefrau von Rechtsanwalt Field bekam. Dieser wiederum hatte nur über Goody Kontakt zu den Posträubern. Zudem war Goody im Gegensatz zu anderen Posträubern auch durch Körperverletzungs-Delikte straffällig geworden. Hinzu kommt der öfter kolportierte Hinweis von Lokführer Jack Mills auf die auffallend strahlenden Augen des Täters, was ebenfalls zu Goody passen könnte. Doch dies alles bleibt Spekulation.

 

Stimmt das Klischee von den Gentleman-Gangstern?

Zumindest hinsichtlich des aufwändigen Lebensstils, den die meisten aus der „Firma“ schon lange vor der Tat führten. Viele Schilderungen übertreiben diesen Aspekt jedoch wegen seiner Kuriosität. Fakt ist, dass alle Gangster vorbestrafte, „hartgesottene“ Kriminelle waren und nicht beabsichtigten, ihren Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen.

Die Mentalität der Posträuber ist eher verständlich, wenn man sich das damalige System sehr fest gefügter sozialer Schichten in England vor Augen führt. Für die Posträuber als Angehörige verschiedener „Kasten“ der Unterschicht gab es kaum Aufstiegsmöglichkeiten. So finanzierten sie Ihren wirtschaftlichen „Aufstieg“ durch Straftaten, die sich in ihren Augen gegen das „Establishment“ richteten. Dennoch stimmt das Robin-Hood-Image nicht: Man klaute nicht aus politischen Gründen beim Establishment, sondern weil nur dort etwas zu holen war. Das erbeutete Geld der verschiedenen Straftaten vor dem Raub wurde nicht mit den Armen geteilt, sondern für einen fürstlichen Lebensstil verprasst. So wohnte John Daly am edlen Eaton Place (ja, der aus der alten TV-Serie), Bruce Reynolds fuhr einen Porsche und leistete sich Schuhe von John Lobb, das Paar zu mehreren tausend Euro heutiger Währung. (Zu Lobbs späteren Kunden zählte u.a. gut die Hälfte des ehmaligen rot-grünen Bundeskabinetts von Kanzler Schröder).

 

Wie und wo konnten sich so viele Männer zusammenfinden, ohne dass ein Verräter unter Ihnen war?

Die Posträuber lebten alle in London, kannten sich untereinander lange und gehörten im wesentlichen zwei oder drei "Firmen" (Firms) an. So bezeichneten sich die Banden, die gemeinsam Einbrüche und Überfälle der etwas raffinierteren Art begingen und davon (ganz gut) lebten. Das war eine - abseits ihrer "Arbeit" - sehr "normale", ja fast kleinbürgerliche Gesellschaft. Zu ihren ältesten und wichtigsten Spielregeln, die auch der Polizei bekannt waren, gehörten das bedingungslose Vertrauen in die Verschwiegenheit der anderen. Wer dagegen verstieß, war in der "Unterwelt" ein für alle mal unten durch. Ihm fehlte damit nicht nur die spätere wirtschaftliche "Existenzgrundlage" nach seiner Haftentlassung. Genauso schlimm wog die Tatsache, sein gesamtes menschliches Umfeld für immer zu verlieren, einmal ganz abgesehen von den zu befürchtenden Racheakten. Die Ähnlichkeit mit der Mafia ist unübersehbar, doch anders als bei der italienischen Variante war der "Ausstieg" aus diesem Geschäft jederzeit möglich, so lange man die anderen unbehelligt ließ.

Reynolds, Edwards und Goody - die Anführer der Posträuber - haben nur mit Leuten gearbeitet, die bereits bewiesen hatten, dass sie lieber ins Gefängnis gingen und dort Jahre verbrachten, als z.B. Kronzeuge zu werden. Aus diesem Grund gab es übrigens anfangs einigen Widerstand gegen Ronnie Biggs, den bis dahin kaum jemand außer Reynolds kannte. Buster Edwards hat dies später einmal in einem BBC-Interview indirekt eingestanden. So gab es dann zwar durchaus anonyme "Tipps" an die Polizei, aber niemand ist je namentlich aufgetreten oder hätte sich gar als Belastungszeuge angeboten. Im Prinzip wusste die Polizei erstaunlich schnell, nach wem sie suchen musste - aber es fehlten Beweise und Zeugen. Tatsächlich wurden alle überführten Posträuber anhand forensischer Beweise wie Fingerabdrücke oder Farbspuren dingfest gemacht, oder festgenommen, weil sie im Besitz von Teilen der Beute waren. Kein einziger wurde durch eine Zeugenaussage persönlich belastet. Auch der einzige im Prozess geständige Posträuber, Roger Cordrey, belastete niemanden.

Getroffen hat man sich in Kneipen (mehrere der Posträuber waren Café- oder Kneipenbesitzer) oder an anderen "öffentlichen" Orten. Es gab wohl auch eine Generalprobe vor Ort. Dass das alles nicht entdeckt wurde, lag auch an der Zeit: 1963 fuhren noch nicht so viele Leute mit dem Auto in der Gegend herum wie heute, und nach Mitternacht war das Land wie ausgestorben.

Das grenzenlose Vertrauen der Posträuber erstreckte sich über alle Gebiete - bis auf eines: Geld. Zum Zählen und Teilen der Beute wollten und mussten alle anwesend sein, keiner wollte "übers Ohr gehauen" werden. Aus diesem Grund wurde der ursprüngliche Plan, sofort nach der Tat mit vielen kleinen Fahrzeugen getrennt nach London zurückzukehren und später die Beute zu teilen, verworfen. Stattdessen wurde die Leatherslade Farm gemietet, die es der Polizei später ermöglichte, die - wohl bereits in Verdacht stehenden - Posträuber zu belasten.

 

Wie authentisch ist der deutsche TV-Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“?

Siehe "Die deutschen "Gentlemen".

 

Aus welchen Quellen kann man sich über den Postraub und das weitere Schicksal der Beteiligten informieren?

Nick Reynolds, Sohn des Anführers, hat im Jahre 2000 unter dem Titel „The Grat Train Robbery Files“ unzählige Zeitungsartikel zusammengetragen. Das weitgehend unkommentierteBuch ist eine sehr unterhaltsame Zusammenstellung. Manche Irungen und Wirrungen unserer Medienwelt gab es auch schon in den 60er Jahren...

Bruce Reynolds (Autobiography of a Thief) und Ronald Biggs haben in jeweils eigenen Büchern über den Postraub und ihr Leben berichtet. Diese Quellen müssen natürlich immer mit besonderer Vorsicht genossen werden.

Viele Webseiten, größtenteils von Zeitungen, widmen dem Postraub immer wieder mal einen eher oberflächlichen Bericht. Hier erfährt man näheres über den weiteren Verbleib der Posträuber.